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Das Leben erblüht

  • 19. Apr.
  • 2 Min. Lesezeit

Seit fünf Monaten ist mein Vater alleine. Meine Mutter ist gestorben. Plötzlich, aber nicht überraschend. Fast sechzig Jahre Leben haben sie miteinander geteilt: der fröhlich unbeschwerte Beginn mit dem jungen Wunsch nach Glück. Das erste Kind, das rasch kam, und mit ihm die andauernde Sorge um seine Gesundheit. Schließlich das gemeinsame Begreifen von Realitäten, die unsere Familie für immer zeichnet. Und noch ein Kind. Und noch ein Schicksalsschlag. Kämpfe. Scham. Streit. Und immer viel körperliche Arbeit. Aber auch: zusammen gehalten, zusammen geblieben, zusammen alt geworden. Bei allem. Trotz allem.

Den behinderten Sohn umsorgt, die kranke Tochter beerdigt, die Ehefrau gepflegt. Und nun? Im September wird mein Vater fünfundachtzig. Das Allein-Sein ist schwer. Es zittert im Herzen. Wenn die Küche morgens leer ist und abends ein Mensch am Tisch fehlt. Und auch zwischendurch. Wenn alles so still ist. Wie am Grab.

Ich bin seine jüngste Tochter. Die, die sehr weit weg lebt. Mehr als siebenhundert Kilometer Distanz liegen zwischen mir und meinem Elternhaus. Die Menschen werden weniger in ihm. Nun sind mein Vater und ich alleine, wenn ich ihn besuche. Es sei denn, meine Tante ist da.


Mein Vater ist stark. Er hat eine Kraft, die ihn immer wieder durch das Leben getragen hat: seine Kreativität. Sein Mut und sein Können, sich eine Idee mit den Händen in die Wirklichkeit zu holen. Wie jetzt: Ein altes Stahlweinfass aus Winzertagen in etwas neues zu verwandeln. Die Idee wächst in seinem Kopf. Sie nährt und heilt, spendet Sinn im leeren Alltag. Und dann, nach einer Woche, ist sie fertig und leuchtet stolz im Sonnenlicht: eine fast mann-hohe Skulptur. Ihre silbrig glänzenden Blätter sind einladend geöffnet und bieten einer opulent blühenden Hortensie ein Heim. Das Leben erblüht. Dafür ist es nie zu spät. Wir müssen es nur wagen. Danke, Papa!


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